Life-Natur Projekt
LIFE2002NAT/D/8458
  
Detaillierte Beschreibung:
Das LIFE-Projekt dient der Sicherung eines der bedeutendsten Großmuschelvorkommen Mitteleuropas. Es ist eingebettet in ein zwischen Tschechien, Sachsen und Bayern abgestimmtes Gesamtkonzept. 

Projektgebiet Das Projektgebiet liegt im Grenzbereich der Tschechischen Republik und der deutschen Bundesländer Sachsen und Bayern. Es enthält ein weitgehend naturnahes, silikatisches, nährstoffarmes Mittelgebirgs-Gewässersystem mit angrenzenden Auebereichen und Vorkommen der Flussperlmuschel Margaritifera margaritifera und der Bachmuschel Unio crassus sowie weiterer gefährdeter fließgewässergebundener Tierarten, u.a. Bachneunauge Lampetra planeri, Mühlkoppe Cottus gobio sowie den Eisvogel Alcedo atthis

Die bachbegleitende Vegetation ist im unter Naturschutz stehenden Uferschutzstreifen der Gewässer durchgängig in Form von naturnahen, feuchten Hochstaudenfluren und Übergangsmooren bzw. Schwingrasen ausgebildet. Wo kein Uferschutzstreifen besteht, reicht eine extensive Grünlandnutzung bis an die Gewässer heran. Im weiteren Umland, das die Bäche als Gewässereinzugsgebiet beeinflusst, findet sich eine kleinräumig strukturierte Kulturlandschaft mit kleineren Ortschaften, Streusiedlungen, Einzelanwesen sowie mit allen Intensitätsstufen der Landnutzung von Wald und Brachland bis zu intensiver Acker- und Grünlandnutzung.

Projektgebiet im engeren Sinne sind die muschelführenden Bäche und ihr unmittelbares Umland, das nach der Artenschutzrichtlinie Natura 2000 der Europäischen Union als FFH-Schutzgebiet gemeldet wurde. Im weiteren Sinne gehört hierzu das gesamte Wassereinzugsgebiet der Bäche.


Zielarten
im Projektgebiet
Flussperlmuscheln
Das Projekt dient dem Erhalt der Großmuschelarten Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) und Bachmuschel (Unio crassus). Zur Biologie der Muscheln vergleiche die entsprechende Beschreibung des Bayerischen Landesamtes für Umwelt.

Der Verbreitungsschwerpunkt der Flussperlmuschel Margaritifera margaritifera in Deutschland liegt in Bayern. Das Gewässersystem im Projektgebiet hat für den Erhalt der Art hohe Priorität. Die Vorkommen im Projektgebiet stellen mit mehreren 10.000 Exemplaren insgesamt etwa ein Fünftel des bayerischen Gesamtbestandes. Nur fünf weitere bayerische sowie eine tschechische Populationen besitzen heute noch eine vergleichbare Populationsgröße.  Die Vorkommen in den übrigen Bundesländern - mit Ausnahme Niedersachsens - beherbergen nur wenige Individuen. Auch im europaweiten Vergleich handelt es sich bei dem vorliegenden Bestand um einen der bedeutendsten in Mitteleuropa (Young et al. 2000). 


Bachmuscheln (Foto: Susanne Hochwald)


Bei der Population von Unio crassus im Projektgebiet handelt es sich um ein kleines Restvorkommen der Art in der Region (50 -100 Individuen). Bayernweit sind knapp 60 Bestände bekannt. In der Regel handelt es sich um Restbestände von maximal einigen Hundert Tieren. Einige wenige Populationen beherbergen 10.000 und mehr Individuen. Verbreitungsschwerpunkte der Art in Deutschland sind Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Quantitative Angaben zum derzeitigen Gesamtbestand fehlen. Gleiches gilt für die europäische Verbreitung. Rückgänge der Art bzw. ihre Seltenheit im Gebiet werden aus Österreich, Polen, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und Tschechien gemeldet (Hochwald 2000).


Gefährdungen der Großmuscheln 
im Projektgebiet
Gewässereutrophierung
Einträge von Nährstoffen aus den landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebieten, aus Streusiedlungen mit unzureichend geklärtem Abwasser und aus Teichanlagen führen dazu, dass die Gewässer im Projektgebiet Belastungen aufweisen, die über den Toleranzgrenzen für gesunde Flussperlmuschel-Populationen liegen.Eine unzureichende Wasserqualität, insbesondere ein erhöhter Gehalt an Ammonium und Nitrat, führt zu erhöhten Absterberaten bei allen Altersgruppen von Margaritifera margaritifera (Hruska & Bauer 1995) und Unio crassus.Die Fließgewässer als Habitat der Zielarten des Projektes ziehen sich als linienförmige Struktur durch das Projektgebiet. Ihr Wasser- und Stoffhaushalt wird durch die Austräge aus der Fläche des Wassereinzugsgebietes bestimmt. Der Nährstoffeintrag in die Bäche (Gewässereutrophierung) ist folglich einerseits eng mit den Nährstoffüberschüssen in der Fläche verknüpft und andererseits mit den Eintragspfaden, also mit Seitengewässern und Gräben sowie mit flächigen Abflüssen zu Zeiten hoher Niederschläge. Diese Pfade bedingen eine direkte Beeinflussung der Gewässer auch aus uferfernen Flächen. Um Nährstoffeinträge aus diesen "projektfernen" Flächen unterbinden zu können, sind neben einer flächenhaften Extensivierung der Nutzung auch Maßnahmen an den Haupteintragspfaden in das Gewässer bzw. Projektgebiet geeignet. Hierzu zählen vor allem die Seitengewässer und Hauptdränleitungen.
Verschlammung des Gewässerbettes
Die Schlammfracht der Gewäser besteht aus erodiertem Boden oder sie resultiert aus erhöhtem Algenaufwuchs im Haupt- und in den Seitengewässern in Folge der Nährstoffeinträge. Erodierter Boden wird dem Gewässer vor allem aus den Ackerflächen im Gewässereinzugsgebiet über Seitengewässer und -gräben ohne einen uferbegleitenden Gehölz- und Krautsaum zugeführt.Die Ablagerung von Feinsediment im kiesigen Lückensystem des Bachgrundes verschließt die Grobporen und verringert die Durchströmung. Durch verstärkte Zehrungsprozesse kommt es daraufhin zu Sauerstoffmangel und fallweise zur Anreichung schädlicher Konzentrationen chemisch reduzierter Stoffe wie Ammoniak (NH3) und Nitrit (NO2). Als Folge sterben die in den ersten Lebensjahren im Sediment vergrabenen Jungmuscheln ab (Buddensiek 1995, Altmüller & Dettmer 2000). Die Brut kieslaichender Fischarten und damit der Wirtsfische der Muscheln wird ebenfalls geschädigt. 

Auch erwachsene Muscheln werden durch den eingestrudelten und nicht verwertbaren anorganischen Schlamm beeinträchtigt (vergleiche Eisenockerbildung). Trächtige Weibchen begegnen der Belastung ihres Stoffwechsels durch Schlamm oftmals durch verfrühte Abgabe unreifer, nicht infektionsfähiger Muschellarven (Glochidien), die sich nicht am Wirtsfisch festsetzen können und daher absterben.

Literatur:
Altmüller R. & Dettmer R. (2000): Erste Erfolge beim Arten- und Biotopschutz für die Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera L.) in Niedersachsen. - Natur & Landschaft 75 (9/10): 384-388.

Buddensiek V. (1995): The culture of juvenile freshwater pearl mussels Margaritifera margaritifera L. in cages: A contribution to conservation programmes and the knowledge of habitat requirements. - Biol. Conservation 74: 33-40.

Hruska J. & Bauer G. (1995): Zusammenhänge zwischen der Populationsbiologie der Flußperlmuschel und der Gewässereutrophierung. - Lindberger Hefte 5: 10-16.

Winter J.E. (1972): Long-term laboratory experiments an the influence of ferric hydroxide flakes on the filter-feeding behaviour, growth, iron content and mortality in Mytilus edulis L.. - in: Ruivo M. (ed.): Marine Pollution and Sea Life Fishing News (books) Ltd.: 392-396.

Young M.R., Cosgrove P.J. & Hastie L.C. (2000): The extent of, and causes for, the decline of a highly threatened naiad: Margaritifera margaritifera. – Ecological Studies 145: 337-357.

Eisenockerbildung
Beim Eintritt sauerstoffarmer Sicker- und Dränwässer in das sauerstoffreiche Bachwasser wird reduziertes Eisen oxidiert und fällt als Ferrihydrit (Eisenocker) aus. Die Quelle des Eisens sind dränierte Talbereiche im Einzugsgebiet des Gewässers. Durch den Grundwassereinfluss der vernässten und daher gedränten Flächen tritt reduziertes Eisen auf. Eisenockeraustritte finden sich daher direkt unterhalb der einmündenden Dränagerohre.

Der besonders schädliche Ocker-Schlamm


Der in Flocken oder Watten ausfallende Eisenocker kann von den Muscheln, die sich filtrierend ernähren, nicht verwertet werden. Er wirkt in gleicher Form wie erhöhte anorganische Schlammfrachten und muss als so genannte Pseudofaeces ausgeschieden werden. Hierzu ist eine Steigerung der Stoffwechselrate nötig. Bei Margaritifera margaritifera bedingt eine erhöhte Stoffwechselrate eine verminderte Lebenserwartung. Für marine Molluskenarten ist belegt, dass eine erhöhte Filtrationsleistung bei gleichzeitig schlechterer Nahrungsqualität durch einen hohen Prozentsatz unverdaulicher Bestandteile bei den Tieren zu Hungersymptomen führt (Winter 1972). Ockerausflockung direkt auf den Kiemen von Muscheln und Fischen beeinträchtigt zudem die Atmung.

Mangelndes Wirtsfischangebot
Die Bachmuschel Unio crassus wird im Projektgebiet durch ein geringes Aufkommen von Elritzen (Phoxinus phoxinus) als Hauptwirtsfisch geschädigt. Es fehlen geeignete Laichplätze und Standplätze, die den Fischen Schutz vor ihren Fraßfeinden bieten.Die Folge ist eine mangelnde Infektion von Wirtsfischen mit Larven der Bachmuschel und damit eine unzureichende Verjüngung des Bestandes. In einigen Gewässern ist zu befürchten, dass natürlicherweise keine Muschellarven mehr auf geeignete Wirte gelangen und der Fortpflanzungszyklus von Unio crassus unterbrochen ist. 
Alle Fotos, die nicht anders gekennzeichnet sind, stammen von Christine Schmidt und Robert Vandré (Schmidt & Partner GbR) und unterliegen dem Copyright. Sollten Sie daran interessiert sein, diese Fotos in irgendeiner Weise als Reproduktion oder digital zu verwenden, setzen Sie sich bitte mit den Fotografen in Verbindung.

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